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Von ANGELIKA KOCH
Bis vor kurzem teilte die Orgel in
der Klosterkirche St. Leodegar im 400-Seelen-Ort Niederehe mitten
in der Vulkaneifel das Schicksal ihrer Artgenossinnen: Sie war da,
sie begleitete die Kirchengemeinde treu und zurückhaltend,
und niemand maß ihr große Bedeutung bei, nicht einmal
der seit Jahr und Tag auf ihr spielende Dorforganist.
Für die kleine Baithasar-König-Orgel
in Niederehe sind die Tage des Mauerblümchen-Daseins gezählt.
Musikliebhaber und international renommierte Wissenschaftler haben
entdeckt, welch ein Schatz dieses 1714/15 gebaute Instrument ist.
So erlangt der winzige, ansonsten nur durch seine verträumt-idyllische
Lage spektakuläre Ort Aufmerksamkeit: Das ehemalige Prämonstratenser-Kloster
in schlichtem Barock beherbergt nicht nur eine der ältesten
Orgeln in Rheinland-Pfalz, sondern zugleich das Erstlingswerk von
Balthasar König. König gilt als der Meister seines Fachs,
er brachte die altbayrische Orgelbaukunst nach Holland und an den
Niederrhein, und die Niedereher Orgel ist die einzige, die seine
Urheberschaft per Inschrift am Gehäuse ausweist. Balthasar
Königs große Werke in den Kirchen Kölns wurden im
Krieg zerstört, andere wurden im Laufe der Jahrhunderte den
wechselnden Moden und Ansprüchen angepasst. Nicht so die Orgel
in Niederehe - hier ist es der Armut und Abgeschiedenheit der Eifel
zu verdanken, dass man sie heute in ihrer ursprünglichen Reinheit
und einzigartigen Klangfarbe bewundern kann. Sie ist nämlich
nicht wie später üblich wohltemperiert, sondern nach dem
alten System mitteltönig gestimmt. Ihre Harmonien erscheinen
klarer und ,,süßer", ihre Disharmonien allerdings erklingen
greller.
Restauriertes Kleinod
in Niederehe: Die Balthasar-König-Orgel
Foto: Angelika Koch
Für aufwendige Erweiterungen
des einmanualigen und im 19. Jahrhundert um ein enges Pedal ergänzten
Instruments fehlten schlicht die Mittel. Außerdem gab es im Kloster
Niederehe keine musikalische Tradition; den Mönchen diente die Orgel
lediglich zum Chorgebet. Erst 1997/98 kam es zu einer überfälligen
Restaurierung und Rekonstruktion, die vor allem darum bemüht war,
die originalen Werte beizubehalten. Das Königsche Erstlingswerk ist
gerade wegen dieser Ursprünglichkeit nicht für die Interpretation
aller Musikstücke geeignet, sondern nur für Kompositionen mit
nicht mehr als drei Vorzeichen: Andernfalls klingt es schräg und atonal.
Mit anderen Worten, es wäre kein Genuss für die Ohren. Langsames
Auf- und Abschwellen der Töne, für die meisten Hörer von
Orgelmusik eben das Charakteristikum des Instrumentes, ist hier nicht möglich.
In der Regel sind also nur Stücke spielbar, die vor 1750 entstanden
sind, oder ganz moderne. Die Orgel in St. Leodegar sorgte für eine
absolute Sensation in der Welt der Musikwissenschaft. Als der Essener Professor
und Komponist Gerd Zacher das Instrument im stillen Eifelort näher
untersuchte und sich auf es einließ, war ihm bald klar: Der Erfinder
des ,,Wohl-temperierten Claviers", Johann Sebastian Bach, war mit seinem
letzten Werk ,,Die Kunst der Fuge" zur mitteltönigen Stimmung zurückgekehrt.
Zacher hat die berühmte Komposition auf der Niedereher Orgel als CD
eingespielt.
Sie ist eine von drei CDs,
die zur Zeit mit Interpretationen auf der kleinen Baithasar-König-Orgel
zu haben sind. Josef Elch spielte Stücke ,,Von d'Andrieu bis Zipoli",
der Trierer Josef Still ,,Musik für die kleine Königin" mit Werken
von Bach, Frescobaldi, Stanley, Krebs, Sweelinck und anderen. Diese Aufnahmen
belegen, dass es zwar in Niederehe keine lange Musiktradition gibt, dass
aber eine neue begründet wird. Auf Initiative des Wahleiflers Klaus
Kemp ist eine Konzertreihe entstanden, die Zuhörer von weither anlockt.
Die Konzerte haben überregionale Bedeutung, denn Kemp ist es mit Hilfe
von Sponsoren gelungen, die renommiertesten Interpreten zu verpflichten,
wie zum Beispiel Carlo Hommel aus Luxemburg.
Im Jahr 2000 wird die Reihe
am 17. März mit dem Wormser Domorganisten Leo Reichert fortgesetzt,
der - zusammen mit seiner Choralschola -Barockmusik interpretiert und gregorianische
Gesänge erklingen lässt. Am 26. Mai gibt es eine Aufführung,
die auch als CD aufgenommen wird: Gerd Zacher spielt den Fugenzyklus ,,Die
wohlklingende Fingersprache" des Barockkomponisten Johann Matthessohn.
Am 15. September bietet Ute Gremmel-Geuchen spanische Barockmusik. Und
für den Advent 2000 schließlich ist ein Konzert mit Gemelli-Liedern
von Bach in Planung mit dem Tenor Hans-Peter Rahmershofen und der Organistin
Heidi Schwill. Besucher aus Köln oder Frankfürt, Aachen oder
Düsseldorf kamen zu den Konzerten in die Eifel, um sich diese wohl
einzigartigen Darbietungen hochkarätiger Künstler nicht entgehen
zu lassen.
CDs und die 120-seitige
Festschrift mit CD über die Niedereher Balthasar-König-Orgel
sind erhältlich beim Katholischen Pfarramt Niederehe, Klosterhof,
54579 Üxheim-Niederehe, Telefon (02696)1307 oder per Fax unter (02696)1450.
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