Orgel-Förderverein St. Marien-Rachtig e.V.

54492 Zeltingen-Rachtig

- König-Orgel in der Anna-Kirche Aachen -



...es stand in Festschrift zur Einweihung der Weims-Orgel, Anna-Kirche Aachen, vom 29. Mai 1994: 

EVANGELISCHE ANNAKIRCHE
Die König-Orgel

Im Dezember 1792 waren französische Revolutionstruppen in Aachen einmarschiert. Im Vertrag von Campo - Formio fiel dann 1797 das gesamte Gebiet links des Rheins von der Schweizer bis zur holländischen Grenze an Frankreich. Durch Konsularbeschluß vom 9. Juni 1802 wurden alle Klöster aufgehoben; auch Kloster und St. Anna-Kirche der Benediktinerinnen in Aachen wurden säkularisiert.

Am 29. Juni 1802 überließ Napoleon, hier vertreten durch den Bürgerpräfekturrat Johann Friedrich Jacobi, zu der Zeit fungierender Interimspräfekt des Roerdepartements, den beiden evangelischen Gemeinden in Aachen und Burtscheid die Annakirche, deren Inventar bei der Säkularisation jedoch - wie oben berichtet - fast vollständig verlorengegangen oder schadhaft war.

Am 4. August 1802 übernahmen der Prediger Carl Wilhelm Vetter (1741 -1820) von der Reformierten Gemeinde in Aachen und Pastor Peter Heinrich Grünewald (1758 - 1835) von der Lutherischen Gemeinde Aachen und Burtscheid die Kirche.

Der Chronist bemerkt dazu: ,,Man nahm keinen Anstand, diese Schenkung anzunehmen, glaubte vielmehr, es sei konsequent zu denken, daß wie denen katholischen Kirchen unentgeltlich aus Domänen angewiesen wurden, die Protestanten dasselbe zu erwarten berechtigt sein würden."

Disposition der König-Orgel aus der Klosterkirche St. Johanna und Cordula in Köln

Für die Renovierungsarbeiten in der Kirche und für die Beschaffung einer Orgel wurden 10.000 Reichstaler aufgewendet, eine Summe, die den beiden Gemeinden, die damals nicht mehr als 600 Seelen zählten, beträchtliche Opfer abverlangt haben muß. Nachdem Bemühungen um den Ankauf des Instrumentes der Aachener Kapuzinerkirche fehlgeschlagen waren, erwarb man 1802 bei einer Versteigerung von Orgeln aus säkularisierten Klöstern in Köln die Orgel aus dem ehemaligen Kloster St. Johanna und Cordula für einen Preis von 2485 Franken (ca. 430 Reichstaler).

Diese Orgel war 1773 von Christian Ludwig König (1717 - 1789) oder seinem Bruder Johann Nikolaus König (1729 - 1775) erbaut worden, die in Köln Werkstätten unterhielten. Sie hatte die folgende Disposition:

Hauptwerk (1. Manual)

Positiv (II. Manual)
1. Praestant
8'
  1. Praestant
4'
2. Bordun Baß
16'
  2. Hohlpfeife
8'
3. Bordun Diskant
16'
  3. Basson
8'
4. Trompete
8'
  4. Viola da gamba
8'
5. Hohlpfeife
8'
  5. Flöte
4'
6. Clairon
4'
  6. Traversflöte Diskant
8'
7. Octave
4'
  7. Klarinette Diskant
8. Quinte
3'
  8. Zimbel
9. Superoctave
2'
  9. Superoctave
2'
10. Mixtur
  10. Quintfiöte
 
  11. Carillon


Der Umfang der Manualklaviatur reichte von C - d''', der Bourdon war geteilt in Baß und Diskant bei c'. Über den Ankauf der Orgel und einige notwendige Arbeiten bei ihrer Aufstellung in der Annakirche erfahren wir aus dem Sitzungsprotokoll vom 13. Januar 1803: ,,ad No 2 berichtete Herr Pastor Grünewald: Die Orgel in Johann und Cordula für den Preis von 2485 Francs gekauft zu haben. Die Deputation bezeugte damit ihre Zufriedenheit und bedankte Herrn Pastor Grünewald für angewandte Mühe; sie ist bereits in der St. Anna Kirche angekommen (etwa 20. Dezember); und was nun die Aufstellung derselben betrifft, so sind darum zwei Contracte zwischen dem Schreinermeister Wassenberg und dem Orgel-Bauer Fuhrmann an einer - und zwischen dem Ausschuß der Deputation an der anderen - Seite vorgelesen und genehmigt worden. Bürger Wassenberg macht sich anheischig: den Kasten zur Orgel (d.h. Orgelgehäuse) innerhalb 10 Wochen für 150 Rthr -, und Bürger Fuhrmann macht sich anheischig: die Orgel für 300 Rthr aufstellen, und damit 14 Tage vor Pfingsten fertig zu seyn." (Man beachte die Anpassung an den seit der Revolution in Frankreich eingeführten Sprachgebrauch ,,Bürger".)

Der mit dem Orgelbauer Fuhrmann, Schüler von Ludwig König, abgeschlossene Vertrag enthält dazu weitere Einzelheiten: ,,Gemacht muß werden wie folgt. Zwei neue Claviaturen die sich gekuppelt und einfach spielen. Ein neu angehängtes Fuß Pedal. Neue Regier-Werker (Registerzüge) zu beiden Werken. Die durch den Transport verdorbenen Pfeifen müssen repariert und hiervon einige in der Praestante neue gemacht werden, wozu der Stoff von Einigen zu verwertenden Praestant-Pfriffen genommen wird. Die Praestanten abschleiffen und Neue polieren. Das samtliche Pfeiffen-Werk da wo es nöthig ist gehörig auszubessern. Die Blas-Ballge aufs Beste in gehörigen und dauerhaften Stand setzen, und das Werk im Ganzen bestmöglichst intonirt und neue gestimmt zu verfertigen. Das kleinere Eisen-Werk (Nägel, Riegel etc.) macht der Orgel-Macher selbst. Das größere (Registerschwerter, Wellen etc.) muß ihm, so wie die Blas Balig Stellage und derlei gestellt werden".

Die Orgel erhielt ihren Platz über Altar und Kanzel an der Ostwand der Kirche. Das dreiteilige Gehäuse wurde seitlich getragen von Karyatiden (Statuen anstelle einfacher Stützpfeiler); auf den schwerprofilierten Gesimsen standen zwei Cherubengel zu Seiten einer Empire-Urne.

Nach dem Einbau der Orgel und etlichen Instandsetzungs- und Malerarbeiten in der Anna-Kirche wurde diese am 17. Juli 1803 eingeweiht. Dabei erklang eine Kantate von J.A.F. Burgmüller.

Inneres der Annakirche, König-Orgel mit dem Gehäuse von Schreinermeister Wassenberg 1803

Diese Kantate, die immerhin drei Solisten, Chor und Instrumente erforderte, wurde durch eine ,,dramatische Gesellschaft" aufgeführt und enthielt auch eine Lobeshymne auf Napoleon. Der Prediger Vetter hielt eine Ansprache auf französisch an den Präfekten; denn man verstand diese Feier nicht als einen Gottesdienst, sondern als Ausdruck des Dankes gegenüber den französischen Behörden für die geschenkte Kirche. Es zeugt auch von der Freude und Dankbarkeit der evangelischen Christen in Aachen, daß diese kirchliche Feier ,,durch Abfeuerung der Böller und weitere Freudens-Bezeugungen der Protestanten in dulci jubio begleitet und mit einem stattlichen Mittagessen auf der neuen Redoute beendigt wurde".

Ob man die Disposition der Orgel bei den oben genannten Arbeiten verändert hat, geht aus den zur Verfügung stehenden Unterlagen nicht hervor.

In einer von Heinrich Böckeler im Jahre 1876 veröffentlichten ,,Beschreibung der neuen Orgel im Kurhaussaale zu Aachen" gibt er auch eine Disposition der St. Anna-Orgel wieder, die jedoch erheblich von der o.g. König-Disposition abweicht. Sie lautet dort:

Hauptwerk

Positiv
Principal
8'
  Praestant
4'
Bordun
16'
  Flöte
8'
Gedact
8'
  Salicional
4'
Gamba
8'
  Superoctave
2'
Octave
4'
  Hautbois / Cromhorne
8'
Superoctave
2'
  Clarinette Diskant
8'
Mixtur 3fach
   
Trompete
8'
   
Clarine Baß
4'
   

Dieses Instrument tat seinen Dienst bis zum Jahr 1898, in dem die Firma Walcker aus Ludwigsburg ein neues Instrument in das alte, nun erweiterte Gehäuse baute.


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Datum der letzten Überarbeitung: 03.04.2000